Wissensbezogene Theorieansätze erleben z.Zt. in der Managementtheorie einen Boom 1 und der Begriff Wissensmanagement bzw. Knowledge Management scheint sich als begriffliches Dach für eine Vielzahl wissensbezogener Thematiken und Problemen herauszubilden. Ausgangspunkt vieler Wissenschaftler ist die Transformation hochindustrialisierter Volkswirtschaften in sogenannte "Wissensgesellschaften" (vgl. Machlup: 1962; Bell: 1979; Drucker: 1988/1992), in denen statt Arbeit, Boden und Kapital das "Wissen" zur wertvollsten Ressource im zunehmend internationaler werdenden Wettbewerb wird (Quinn: 1992; Handy: 1990). Unter diesen veränderten Rahmenbedingungen sehen Forscher einen neuen Unternehmenstyp entstehen, welchen sie als knowledge-intensive (Starbuck: 1992) oder intelligent beschreiben (Quinn: 1992/1993). So behauptet Sveiby (1997), daß immer mehr Organisationen zu Wissensorganisationen werden, in denen das bisher dominierende "industrielle Paradigma" durch ein "Wissensparadigma" abgelöst wird. In diesen "knowledge organizations" ist es das Wissen der Mitarbeiter, das ihre Karrieren entscheidet. In ihnen wird Wissen zum primären Produktionsengpaß und zum Ausgangspunkt der gewählten Organisationsform (vgl. Abbildung 1.1).
Abbildung 1.1: The principles of the knowledge organization (Sveiby:1997:S.27)
Als wichtigste Megatrends oder Indikatoren für die heranziehende Wissensgesellschaft werden verkürzte Halbwertszeiten der Wissensnutzung sowie die quantitative Wissensexplosion 2 ins Felde geführt. Die zunehmende Internationalisierung von Wissensmärkten und der damit verbundene Wettbewerb um die wertvollsten Wissensressourcen führt zu Veränderungen bisher stabiler Marktgefüge. Die Wissensfragmentierung 3 nimmt in Wissenschaft und Praxis zu.
"In den Wissenschaften schreitet die Spezialisierung und mit ihr die Entstehung neuer, immer kleinerer Fächer zunehmend voran. Der Fächerkatalog des Hochschulverbandes zählt über 4000 Fächer (...). Die damit gegebene Atomisierung der Fächer setzt sich zudem auf der Ebene der Fachbereiche und Fakultäten fort." (Mittelstraß: 1987: S.152)
"Universalismus vs. Partikularismus hat offensichtlich über Jahrhunderte hinweg als Leitunterscheidung fungiert. Das meinte eine systematische Präferenz für Wissen, das durch keine Verwendungseinschränkung näher festgelegt war, keinen lokalen, ständischen oder sonstwie partikularen Index trug." (Stichweh:1993: S.184)
Dieser Universalismus ist heute aufgehoben und einer multidimensionalen Differenzierung gewichen. Insbesondere die Revolution im Kommunikationsbereich (Internet, Digitalisierung etc.) wird als treibende technologische Kraft hinter dieser Entwicklung angesehen. Baecker (1997) vermutet, daß hinter der Aufregung um das Thema Wissensmanagement die Unsicherheit von Organisationen steht, welche Auswirkungen die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auf liebgewordene Arbeitsteilungsmuster, Hierarchien und Indifferenzen gegenüber der Umwelt haben werden 4 .
Die besonderen Probleme des Informationszeitalters sind Gegenstand verschiedenster Disziplinen wie der Medienwirkungsforschung, der Soziologie, der Kybernetik oder der Medienökologie geworden. Diese Fächer streiten um Beschreibungs-, Erklärungs-, und Interventionsansätze auf individueller und kollektiver Ebene.
Abbildung 1.2: Probleme des Informationszeitalters in unterschiedlichen Disziplinen in Anlehnung an Spinner (1994:S.70ff)
Im Bereich der Managementtheorie und Organisationsforschung ist die Breite wissensbezogener Themen kaum mehr übersehbar, was hier kurz illustriert werden soll. Konstrukte wie "collective mind" (Sandelands/Stablein: 1987; Weick/Roberts: 1993), "core competencies" (Hamel/Prahalad: 1989), "organizational memory" (Cohen/Levinthal: 1990; Walsh/Ungson: 1991; Kim: 1993), "immaterielle Ressourcen" oder die "organisatorische Wissensbasis" (Strasser: 1994; Pautzke: 1989; Duncan/Weiss:1979; Dodgson: 1993) werden breit diskutiert. Thematisiert wird die besondere Rolle von "knowledge-workers" in Organisationen (Drucker: 1970; Knights et al.: 1993; Prietula/Simon: 1989; Starbuck: 1992), der Aufbau von "innovation networks" (Perry: 1993), der Umgang mit "intangible resources" (Hall: 1993; Hall: 1992) oder die Nutzung von "learning curves" (Bohn: 1994; Garvin: 1993).
Während sich viele dieser Ansätze bescheiden geben, sehen die Vertreter der "resource-based theory" (Collis: 1991; Schulze: 1992; Grant: 1991) in der Konzentration auf die eigenen internen Fähigkeiten einen Paradigmawechsel im strategischen Management in Abkehr von einer zu stark marktorientierten (externen) Strategieausrichtung (Porter: 1990). Die "Wissensbereiche", aus denen Unternehmen in der Logik der resource based view strategische Wettbewerbsvorteile ableiten können, sind breit diskutiert worden, was die folgende Abbildung illustriert:
Abbildung 1.3: Resource-based view/strategy literature (Mahoney/Pandian: 1992:S.372)
Die interdisziplinäre Diskussion der Bedeutung von Wissen für Organisationen hat dazu geführt, daß eine Vielzahl (teilweise nicht explizierter) Wissensbegriffe nebeneinander verwendet werden, was zu einer erheblichen Begriffsverwirrung in der theoretischen Diskussion führt (vgl. Kapitel 2). Der Preis für die Behandlung interdisziplinärer Themen ist häufig der Verlust an begrifflicher Klarheit 5 . Insbesondere bei weitverbreiteten und vielverwendeten Begriffen wie "Wissen", die zudem in vielen Disziplinen eine prominente Stellung einnehmen (ähnlich: "Kommunikation" oder "Prozeß"), ist daher die Gefahr schleichender Begriffserosion gegeben.
So weist Wiegand (1996) in seiner Analyse von Prozessen des Organisationalen Lernens 6 nach, daß es trotz nahezu zwanzigjähriger Diskussion organisationaler Lernkonzepte in diesem dem Wissensmanagement sehr nahen Forschungsfeld immer noch komplett unterschiedliche Auffassungen bezüglich (A) der Definition Organisationalen Lernens, (B) den Ergebnissen, Inhalten und Einflußfaktoren Organisationalen Lernens, (C) der Konzipierung der Lernebenen, (D) der Interaktion zwischen den Lernebenen "Individuum", "Gruppe" und "Organisation"; (E) der Effizienz bzw. Effektivität Organisationalen Lernens; (F) den einzelnen Prozessen und Formen Organisationalen Lernens und (G) den Bezügen zu anderen organisationstheoretischen Ansätzen, anderen Konzepten organisationalen Wandels und der Einordnung in die Organisationsforschung existieren.
Die Unzufriedenheit mit dieser Situation im Forschungsfeld "Organisationales Lernen" scheint viel zum stetig steigendem Interesse am "Wissensmanagement" beigetragen zu haben. Die Interdisziplinariät des neuen Forschungsfeldes ist dabei Risiko und Chance zugleich. Denn obwohl zum Thema Wissensmanagement erst in den letzten Jahren Forschungsergebnisse vorgelegt wurden (vgl.: Kogut/Zander: 1992/1993/1995; Nevis et al.: 1995; Strasser: 1994; Pawlowsky: 1994; Pfiffner/Stadelmann: 1995; Nonaka/Takeuchi: 1995; Badaracco: 1991; Schüppel: 1994; Willke: 1995 II) zeigen sich bereits erhebliche Erosionstendenzen 7 (vgl. Kapitel 2) und es scheint, daß Vertreter der verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen diesen vielversprechenden Begriff zu besetzen versuchen.
1. So bilden sich seit ca. drei Jahren zahlreiche Praxis-Theorienetzwerke heraus, welche die Themen Wissensmanagement und Organisationales Lernen behandeln. Beispiele sind "The Learning Company Project"/Sheffield, das "Knowledge Management Network/CIBIT" am Kenniscentrum in Utrecht oder das "European Consortium for the Learning Company/ECLO" inWavre/Belgien.
2. "80 % aller bisherigen wissenschaftlichen und technologischen Erkenntnisse und über 90 % der gesamten wissenschaftlichen und technischen Informationen in dieser Welt wurden im 20. Jahrhundert produziert (...)." (Kreibich: 1986: S.26). Naisbitt weist nach, daß die wissenschaftliche und technische Information einer exponentiellen Wachtumslinie folgt und sich ca. alle 5 Jahre verdoppelt (vgl. Naisbitt: 1984).
3. So sind für 99 % aller Menschen (...) Begriffe wie "Kybernetik", "Molekulargenetik", "Mikroprozessorentechnik", "Wasserstofftechnologie" oder "Breitbandkommunikation" entweder gänzlich unbekannt oder nicht durchschaubar. " (Kreibich: 1986: S.26). Zur Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystem vgl. Stichweh (1993/1994).
4. "Wissensmanagement ist nicht nur der letzte Clou der um ihre Existenz fürchtenden Informatiker, sondern es ist auch Chefsache geworden, weil man herausfinden will und muß, wie sich die Kommunikationsmuster einer Organisation auf der Grundlage des neuen Kommunikationsmediums Computer verändern. " (Baecker: 1997: S.22f.).
5. Diese Begriffsverwirrung wurde mir am deutlichsten, als ich am Rande eines Symposiums zum Wissensmanagement an der Universität Kaiserslautern mit einem Informatiker, einem Psychologen, einem Maschinenbauer und einem Biologen über den Kern ihrer jeweiligen Wissensbegriffe diskutierte. Insbesondere die Abgrenzungen zwischen Daten, Information und Wissen wurde völlig unterschiedlich vorgenommen (vgl. Abschnitt 2.1.4).
6. Zut Vielfalt der Positionen im Feld des Organisationalen Lernens vgl. überblicksweise Barnett (1994) und Huber (1991). Zur Vertiefung einiger Hauptvertreter des Forschungsfeldes vgl. Senge (1990), Fiol/Lyles: (1985); March/Olsen (1975) und Argyris/Schön (1978).
7. Auf Fachkonferenzen, wie den jährlichen Treffen der Strategic Management Society oder der Academy of Management, entwickelte sich das Wissensmanagement in den Jahren 1996/1997 zu einem der beherrschenden Themen. Die Breite der behandelten Themen unter der Überschrift "Knowledge Management" läßt allerdings auf ein geringes gemeinsames Fundament schließen.
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