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Die Organisation aus wissensorientierter Perspektive
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1.1. Wissensmanagement in der Theorie: ein Forschungsfeld formiert sich

Wissensbezogene Theorieansätze erleben z.Zt. in der Managementtheorie einen Boom 1 und der Begriff Wissensmanagement bzw. Knowledge Management scheint sich als begriffliches Dach für eine Vielzahl wissensbezogener Thematiken und Problemen herauszubilden. Ausgangspunkt vieler Wissenschaftler ist die Transformation hochindustrialisierter Volkswirtschaften in sogenannte "Wissensgesellschaften" (vgl. Machlup: 1962; Bell: 1979; Drucker: 1988/1992), in denen statt Arbeit, Boden und Kapital das "Wissen" zur wertvollsten Ressource im zunehmend internationaler werdenden Wettbewerb wird (Quinn: 1992; Handy: 1990). Unter diesen veränderten Rahmenbedingungen sehen Forscher einen neuen Unternehmenstyp entstehen, welchen sie als knowledge-intensive (Starbuck: 1992) oder intelligent beschreiben (Quinn: 1992/1993). So behauptet Sveiby (1997), daß immer mehr Organisationen zu Wissensorganisationen werden, in denen das bisher dominierende "industrielle Paradigma" durch ein "Wissensparadigma" abgelöst wird. In diesen "knowledge organizations" ist es das Wissen der Mitarbeiter, das ihre Karrieren entscheidet. In ihnen wird Wissen zum primären Produktionsengpaß und zum Ausgangspunkt der gewählten Organisationsform (vgl. Abbildung 1.1).

Item

Seen with an industrial paradigm, or from an industrial perspective

Seen with a knowledge paradigm, or from a knowledge perspective

People

Cost generators or resources

Revenue generators

Managers' power base

Relative level in organization's hierarchy

Relative level of knowledge

Power struggle

Physical laborers versus capitalists

Knowledge workers versus managers

Main task of management

Supervising subordinates

Supporting colleagues

Information

Control instrument

Tool for communication, resource

Production

Physical laborers processing physical resources to create tangible products

Knowledge workers converting knowledge into intangible structures

Information flow

Via organizational hierarchy

Via collegial networks

primary form of revenues

Tangible (money)

Intangible (learning, new ideas, new customers, R&D)

Production bottlenecks

Financial capital and human skills

Time and knowledge

Manifestations of production

Tangible products (hardware)

Intangible structures (concepts and software)

Production flow

Machine-driven, sequential

Idea-driven, chaotic

effect of size

Economy of scale in production process

Economy of scope of networks

Customer relations

One way via markets

Interactive via personal networks

Knowledge

A tool of resource among others

The focus of business

Purpose of learning

Application of new tools

Creation of new assets

Stock market values

Driven by tangible assets

Driven by intangible assets

Economy

Of diminishing returns

Of both increasing and diminishing returns

Abbildung 1.1: The principles of the knowledge organization (Sveiby:1997:S.27)

Als wichtigste Megatrends oder Indikatoren für die heranziehende Wissensgesellschaft werden verkürzte Halbwertszeiten der Wissensnutzung sowie die quantitative Wissensexplosion 2 ins Felde geführt. Die zunehmende Internationalisierung von Wissensmärkten und der damit verbundene Wettbewerb um die wertvollsten Wissensressourcen führt zu Veränderungen bisher stabiler Marktgefüge. Die Wissensfragmentierung 3 nimmt in Wissenschaft und Praxis zu.

"In den Wissenschaften schreitet die Spezialisierung und mit ihr die Entstehung neuer, immer kleinerer Fächer zunehmend voran. Der Fächerkatalog des Hochschulverbandes zählt über 4000 Fächer (...). Die damit gegebene Atomisierung der Fächer setzt sich zudem auf der Ebene der Fachbereiche und Fakultäten fort." (Mittelstraß: 1987: S.152)

"Universalismus vs. Partikularismus hat offensichtlich über Jahrhunderte hinweg als Leitunterscheidung fungiert. Das meinte eine systematische Präferenz für Wissen, das durch keine Verwendungseinschränkung näher festgelegt war, keinen lokalen, ständischen oder sonstwie partikularen Index trug." (Stichweh:1993: S.184)

Dieser Universalismus ist heute aufgehoben und einer multidimensionalen Differenzierung gewichen. Insbesondere die Revolution im Kommunikationsbereich (Internet, Digitalisierung etc.) wird als treibende technologische Kraft hinter dieser Entwicklung angesehen. Baecker (1997) vermutet, daß hinter der Aufregung um das Thema Wissensmanagement die Unsicherheit von Organisationen steht, welche Auswirkungen die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auf liebgewordene Arbeitsteilungsmuster, Hierarchien und Indifferenzen gegenüber der Umwelt haben werden 4 .

Die besonderen Probleme des Informationszeitalters sind Gegenstand verschiedenster Disziplinen wie der Medienwirkungsforschung, der Soziologie, der Kybernetik oder der Medienökologie geworden. Diese Fächer streiten um Beschreibungs-, Erklärungs-, und Interventionsansätze auf individueller und kollektiver Ebene.

Problem

Disziplin

Autor

Fachwissenschaftliche Informationskrise

Empirische Wissenschaftsforschung

Weinberg (1970)

Überproduktionsthese

Soziologie

Tenbruck (1980)

Überinformationsthese

Kybernetik/Informationstheorie

Steinbuch (1978)

Überlastungsthese

Psychopathologie

Miller (1960/1971), Deutsch (1969)

Theorie der kognitiven Dissonanz

Psychologie

Festinger (1978)

Theorem der wachsenden Wissenskluft

Medienwirkungsforschung

Bonfadelli, (1980) Schenk (1987), Saxer (1985)

Unterforderungsthese

Medienökologie

Postman (1985/1991/1993/

1995), Roszak(1986)

Unterinformationsthese

Theorie der Informationsgesellschaft

Naisbitt (1984)

These der Relevanzlücke

Informationstheorie/Erkenntnistheorie

Klapp (1982)

Streuungstheorem des besonderen Wissens

Ökonomie/Wettbewerbstheorie

Hayek (1952)

Wirkungstheorem des Wissens

Wissenschaftstheorie

Hirschman (1974)

Abbildung 1.2: Probleme des Informationszeitalters in unterschiedlichen Disziplinen in Anlehnung an Spinner (1994:S.70ff)

Im Bereich der Managementtheorie und Organisationsforschung ist die Breite wissensbezogener Themen kaum mehr übersehbar, was hier kurz illustriert werden soll. Konstrukte wie "collective mind" (Sandelands/Stablein: 1987; Weick/Roberts: 1993), "core competencies" (Hamel/Prahalad: 1989), "organizational memory" (Cohen/Levinthal: 1990; Walsh/Ungson: 1991; Kim: 1993), "immaterielle Ressourcen" oder die "organisatorische Wissensbasis" (Strasser: 1994; Pautzke: 1989; Duncan/Weiss:1979; Dodgson: 1993) werden breit diskutiert. Thematisiert wird die besondere Rolle von "knowledge-workers" in Organisationen (Drucker: 1970; Knights et al.: 1993; Prietula/Simon: 1989; Starbuck: 1992), der Aufbau von "innovation networks" (Perry: 1993), der Umgang mit "intangible resources" (Hall: 1993; Hall: 1992) oder die Nutzung von "learning curves" (Bohn: 1994; Garvin: 1993).

Während sich viele dieser Ansätze bescheiden geben, sehen die Vertreter der "resource-based theory" (Collis: 1991; Schulze: 1992; Grant: 1991) in der Konzentration auf die eigenen internen Fähigkeiten einen Paradigmawechsel im strategischen Management in Abkehr von einer zu stark marktorientierten (externen) Strategieausrichtung (Porter: 1990). Die "Wissensbereiche", aus denen Unternehmen in der Logik der resource based view strategische Wettbewerbsvorteile ableiten können, sind breit diskutiert worden, was die folgende Abbildung illustriert:

Resource position barriers

Wernerfelt (1984)

Unique or rare resources which are not perfectly mobile

Barney (1991)

Unique managerial talent that is inimitable

Penrose (1959)

Resources with limited strategic substitutability by equivalent assets

Dierickx/Cool (1989)

Valuable, non-tradable resources

Barney (1991), Dierickx/Cool (1989)

Distinctive competencies and core competencies that are difficult to replicate

Andrews (1971), Dosi/Teece/Winter (1990)

Unique combinations of business experience

Huff (1982), Prahalad/Bettis (1986), Spender (1989)

Corporate culture that is valuable, rare and imperfectly imitable due to social complexity, tacit dimensions and path dependency

Barney (1986), Fiol (1991)

Culture that is the result of human action but not of human design

Arrow (1974), Camerer/Vepsalainen (1988), Hayek (1978)

Invisible assets that by their nature are difficult to imitate

Itami (1987)

Valuable heuristics and processes that are not easily imitated

Schoemaker (1990)

Time compression diseconomies

Dierickx/Cool (1989)

Response lags

Lippman/Rumelt (1982)

Abbildung 1.3: Resource-based view/strategy literature (Mahoney/Pandian: 1992:S.372)

Die interdisziplinäre Diskussion der Bedeutung von Wissen für Organisationen hat dazu geführt, daß eine Vielzahl (teilweise nicht explizierter) Wissensbegriffe nebeneinander verwendet werden, was zu einer erheblichen Begriffsverwirrung in der theoretischen Diskussion führt (vgl. Kapitel 2). Der Preis für die Behandlung interdisziplinärer Themen ist häufig der Verlust an begrifflicher Klarheit 5 . Insbesondere bei weitverbreiteten und vielverwendeten Begriffen wie "Wissen", die zudem in vielen Disziplinen eine prominente Stellung einnehmen (ähnlich: "Kommunikation" oder "Prozeß"), ist daher die Gefahr schleichender Begriffserosion gegeben.

So weist Wiegand (1996) in seiner Analyse von Prozessen des Organisationalen Lernens 6 nach, daß es trotz nahezu zwanzigjähriger Diskussion organisationaler Lernkonzepte in diesem dem Wissensmanagement sehr nahen Forschungsfeld immer noch komplett unterschiedliche Auffassungen bezüglich (A) der Definition Organisationalen Lernens, (B) den Ergebnissen, Inhalten und Einflußfaktoren Organisationalen Lernens, (C) der Konzipierung der Lernebenen, (D) der Interaktion zwischen den Lernebenen "Individuum", "Gruppe" und "Organisation"; (E) der Effizienz bzw. Effektivität Organisationalen Lernens; (F) den einzelnen Prozessen und Formen Organisationalen Lernens und (G) den Bezügen zu anderen organisationstheoretischen Ansätzen, anderen Konzepten organisationalen Wandels und der Einordnung in die Organisationsforschung existieren.

Die Unzufriedenheit mit dieser Situation im Forschungsfeld "Organisationales Lernen" scheint viel zum stetig steigendem Interesse am "Wissensmanagement" beigetragen zu haben. Die Interdisziplinariät des neuen Forschungsfeldes ist dabei Risiko und Chance zugleich. Denn obwohl zum Thema Wissensmanagement erst in den letzten Jahren Forschungsergebnisse vorgelegt wurden (vgl.: Kogut/Zander: 1992/1993/1995; Nevis et al.: 1995; Strasser: 1994; Pawlowsky: 1994; Pfiffner/Stadelmann: 1995; Nonaka/Takeuchi: 1995; Badaracco: 1991; Schüppel: 1994; Willke: 1995 II) zeigen sich bereits erhebliche Erosionstendenzen 7 (vgl. Kapitel 2) und es scheint, daß Vertreter der verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen diesen vielversprechenden Begriff zu besetzen versuchen.


1. So bilden sich seit ca. drei Jahren zahlreiche Praxis-Theorienetzwerke heraus, welche die Themen Wissensmanagement und Organisationales Lernen behandeln. Beispiele sind "The Learning Company Project"/Sheffield, das "Knowledge Management Network/CIBIT" am Kenniscentrum in Utrecht oder das "European Consortium for the Learning Company/ECLO" inWavre/Belgien.

2. "80 % aller bisherigen wissenschaftlichen und technologischen Erkenntnisse und über 90 % der gesamten wissenschaftlichen und technischen Informationen in dieser Welt wurden im 20. Jahrhundert produziert (...)." (Kreibich: 1986: S.26). Naisbitt weist nach, daß die wissenschaftliche und technische Information einer exponentiellen Wachtumslinie folgt und sich ca. alle 5 Jahre verdoppelt (vgl. Naisbitt: 1984).

3. So sind für 99 % aller Menschen (...) Begriffe wie "Kybernetik", "Molekulargenetik", "Mikroprozessorentechnik", "Wasserstofftechnologie" oder "Breitbandkommunikation" entweder gänzlich unbekannt oder nicht durchschaubar. " (Kreibich: 1986: S.26). Zur Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystem vgl. Stichweh (1993/1994).

4. "Wissensmanagement ist nicht nur der letzte Clou der um ihre Existenz fürchtenden Informatiker, sondern es ist auch Chefsache geworden, weil man herausfinden will und muß, wie sich die Kommunikationsmuster einer Organisation auf der Grundlage des neuen Kommunikationsmediums Computer verändern. " (Baecker: 1997: S.22f.).

5. Diese Begriffsverwirrung wurde mir am deutlichsten, als ich am Rande eines Symposiums zum Wissensmanagement an der Universität Kaiserslautern mit einem Informatiker, einem Psychologen, einem Maschinenbauer und einem Biologen über den Kern ihrer jeweiligen Wissensbegriffe diskutierte. Insbesondere die Abgrenzungen zwischen Daten, Information und Wissen wurde völlig unterschiedlich vorgenommen (vgl. Abschnitt 2.1.4).

6. Zut Vielfalt der Positionen im Feld des Organisationalen Lernens vgl. überblicksweise Barnett (1994) und Huber (1991). Zur Vertiefung einiger Hauptvertreter des Forschungsfeldes vgl. Senge (1990), Fiol/Lyles: (1985); March/Olsen (1975) und Argyris/Schön (1978).

7. Auf Fachkonferenzen, wie den jährlichen Treffen der Strategic Management Society oder der Academy of Management, entwickelte sich das Wissensmanagement in den Jahren 1996/1997 zu einem der beherrschenden Themen. Die Breite der behandelten Themen unter der Überschrift "Knowledge Management" läßt allerdings auf ein geringes gemeinsames Fundament schließen.

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Kai Romhardt
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