Die Arbeit geht von folgenden erkenntnistheoretischen Annahmen und Überlegungen aus 1 :
Soziale Wirklichkeit ist konstruiert (Schmidt: 1992 I+II; Watzlawick 1988; Glasersfeld: 1994; Berger/Luckmann: 1994). Ziel wissenschaftlichen Bemühens kann daher nicht die Erfassung "der" realen Wirklichkeit sein, sondern die Entwicklung "passender" Lösungen für individuell oder kollektiv wahrgenommene Probleme. Wichtig ist daher die Explizierung und Sinnhaftigkeit der eingenommenen Beobachter-Perspektive (vgl. Luhmann: 1984/1993; Baecker: 1993 I+II; Willke: 1991).
Die "Machbarkeit" sozialer Verhältnisse ist begrenzt. Eine Interventionsdisziplin, wie die Managementforschung, muß sich daher stets um das Verständnis ihrer eigenen Grenzen bemühen. Unter diesem Hintergrund ist die Machbarkeit von Interventionen in die organisatorische Wissensbasis zu bewerten (Baitsch: 1993; Gomez/Zimmermann: 1993; Probst: 1987; Probst/Gomez: 1991; Weick: 1979).
Praktikerwissen und wissenschaftliches Wissen lassen sich nicht trennen. Wissen ist nicht wertvoller, weil es an wissenschaftlichen Institutionen produziert wird. Gerade in den anwendungsorientierten Wissenschaften scheint daher die gemeinsame Theorieentwicklung im Dialog von Theorie und Praxis angebracht zu sein. Hierbei ist insbesondere auf die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache (Krogh et al. 1994; Scott-Morgan: 1994) zu achten 2 .
Eine Theorie kann zumeist nur einen Teilbereich der wahrgenommenen Wirklichkeit erklären. Sie kann ihre konstituierende Grundunterscheidung nicht aus sich selbst erklären, sondern sie vertritt vielmehr eine bestimmte Perspektive die Welt zu sehen (Spencer-Brown: 1969). In ihrem blinden Fleck generieren oftmals andere Theorien zweckmäßige Ergebnisse, obwohl diese mit Grundprämissen der "Haupttheorie" in Widerspruch stehen (Feyerabend: 1993) 3 . Diese Arbeit geht von der Überzeugung aus, daß die Einnahme verschiedener Perspektiven in Bezug auf das Erkenntnisobjekt einem widerspruchsfreien, aber paradigmatisch-geschlossenen Forschungsverständnis vorzuziehen ist 4 . Wissensmanagement ist ein Querschnittsthema, das einen interdisziplinären Forschungsansatz fordert, d.h. den Einbezug psychologischer, soziologischer und organisationstheoretischer Ansätze 5 .
"Der Ruf nach Interdisziplinarität kann als Reparaturstrategie zur Aufhebung erkenntnisbegrenzender Disziplinarität oder als Kompensationsstrategie zur Wiederherstellung der Idee einer Einheit der Wissenschaft und einer disziplinenübergreifenden wissenschaftlichen Rationalität interpretiert werden." (Vgl. Mittelstraß: 1987: S.152)
Zur empirischen Fundierung der theoretischen Überlegungen wird auf Konzepte des Action Research (Lewin: 1946; Probst/Raub: 1995) zurückgegriffen. Die interdisziplinäre, problem- und handlungsorientierte Vorgehensweise fordert die Partizipation der Praxis in einem iterativen Prozeß des Bemühens um eine gemeinsame Sprache und gemeinsam getroffene "distinctions that make a distinction" (Spencer-Brown: 1969).
Action research bemüht sich also um Forschungsarbeit in einem problemorientierten Kontext, in dem sowohl die Interessen der Praktiker als auch jene der Forscher berücksichtigt werden 6 . Aus der Forschungsperspektive steht hierbei der theoretische Erkenntnisgewinn im Vordergrund, während aus Sicht des Praktikers anwendbare und umsetzbare Problemlösungen erarbeitet werden sollen. Die eingeschränkte Generalisierbarkeit der Forschungsergebnisse wird hierbei bewußt in Kauf genommen und einer realitätsfernen Konstruktion von Begriffswelten vorgezogen. Erkenntnisobjekte dieser Dissertation sind daher Organisationen, die bereits Wissensmanagement betreiben oder Interventionen in ihre organisatorische Wissensbasis planen. Ihre Probleme und Erfolge mit Konzepten des Wissensmanagements werden über Fallstudien beschrieben 7 . Da menschliches Handeln und Beobachten hierbei nie "objektiv" (Glasersfeld: 1995) sein kann, müssen an dieser Stelle normative Vorstellungen des Verfassers zum Tragen kommen. Untersuchungen, welche mit einer Action research-Philosophie betrieben werden, bedingen immer die Verwicklung von Untersucher und Untersuchungsgegenstand (Baitsch: 1993). Die Idealvorstellung des reinen Analytikers ist unzureichend und nicht durchhaltbar. Gerade durch die Verwicklung und Teilnahme am Geschehen kommt der Beobachter zu Wahrnehmungs- und Erfahrungsquellen, die ihm als unbeteiligter Beobachter verschlossen blieben 8 .
1. Die Tatsache, daß fast alle sozialwissenschaftlichen Forschungsarbeiten sich um die Explizierung ihrer erkenntnistheoretischen Fundierung bemühen, während in den Naturwissenschaften diese Frage kaum diskutiert wird, liegt in der Sperrigkeit und Mutabilität des Sozialen im Beobachtungsprozeß. Heinz von Foerster beschreibt in seinem Theorem Nr.2 den ewigen Kampf der Sozialwissenschaftler wie folgt: "Die 'hard sciences' sind erfolgreich, weil sie sich mit den 'soft problems' beschäftigen; die 'soft sciences' haben zu kämpfen, denn sie haben es mit den 'hard problems' zu tun." (Foerster: 1993: S.337). Die Selbstthematisierung von Wissen innerhalb des Wissenschaftssystems ist besonders interessant, da Wissenschaft ein Wissen prozessierendes System ist.
2. Vgl. hierzu Krohn/Küppers (1989: S.28). Für sie kann Wissenschaft als ein soziales System zur Erzeugung von Wissen angesehen werden. Die Formulierung allgemeingültiger Abgrenzungskriterien zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft sehen sie als gescheitert an.
3. Vgl. Feyerabend (1993: S.5): "Theorienvielfalt ist für die Wissenschaft fruchtbar, Einförmigkeit dagegen lähmt ihre kritische Kraft."
4. "Erkenntnis in diesem Sinne ist keine Abfolge in sich widerspruchsfreier Theorien, die gegen eine Idealtheorie konvergieren; sie ist keine allmähliche Annäherung an eine 'Wahrheit'. Sie ist ein stets anwachsendes Meer miteinander unverträglicher (und vielleicht inkommensurabler) Alternativen." (Feyerabend: 1993: S.34). Zu den Problemen interdisziplinärer Forschung und ihrer institutionellen Verankerung vgl. Hentig (1987), Krüger (1987) und Heckhausen (1987).
5. Dieser multiparadigmatische Ansatz "provides a basis for methodological understandings and tolerance of diversity and multiplicity in research designs" (Cannella/Paetzold: 1994: S.332). Zur Gefahr des paradigmatischen Dogmatismus vgl. Kuhn (1973) und Feyerabend (1993/1995).
6. "As a social science, action research does not aim to formulate universally true laws, but situation-specific insights." (Susman/Evered: 1978). Zur Vertiefung des action research-Ansatzes und zur Verdeutlichung der Forschungsphilosophie am Lehrstuhl Probst vgl.: Probst/Raub (1995).
7. Zur besonderen Eignung von Fallstudien im Prozeß der Theoriebildung vgl. Eisenhardt (1991) und Whyte (1988). Fallstudien sind insbesondere in sich neu-formierenden Foschungsfeldern (wie Wissensmanagement) von Vorteil: "(...) there are times when little is known about a phenomenon, current perspectives seem inadequate because they have little empirical substantiation, or they conflict with each other or common sense. Or, sometimes, serendipitous findings in a theory-testing study suggest the need for a new perspective. In these situations, theory-building from case study research is particuularly appropriate because theory building from case studies does not rely on previous literature or prior empirical evidence." (Eisenhardt: 1989: S.532).
8. Der hier vertretene action research Ansatz grenzt sich von politisch-engagierten Ansätzen des action research (Greenwood et al. 1993; Whyte et al. 1989) insofern ab, als sie "participatory action research" nicht als eine Methode der Umverteilung von Macht und Kontrolle in Organisationen betrachtet, sondern als eine notwendige Bedingung zur Überprüfung von Hypothesen und zur Weiterentwicklung der Organisationstheorie betrachtet.
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